Mehr als das

Schon vor einigen Wochen bemerkte ich ein Amselpärchen, das eifrig in unserem Garten hin und her flatterte, oft mit Ästchen, Laub und trockenen Pflanzenteilen im Schnabel. Sie waren eindeutig damit beschäftigt, ein Nest zu bauen. Im Holzgerüst für den Kompost hatte ich abgeschnittene Äste gesammelt, und mitten dort hinein hatten sie ihr Heim platziert. Das dichte Wirrwarr kahler Äste mit der perfekten Gabelung in der Mitte erschien ihnen wohl als Glücksgriff.

Doch als die anderen Büsche Blätter ausbildeten, blieb ihr Gestrüpp kahl und ihr Nest war weder vor Sonne, Regen noch neugierigen Blicken geschützt. Bald hatte der Kater es entdeckt und strich begierig um den Holzverschlag herum. Obwohl wir diese Kompoststelle nun nicht mehr nutzten, konnten wir nicht vermeiden, gelegentlich dort vorbeizugehen. Dabei erhaschten wir kurze Blicke auf die Amselhenne, die sich tief ins Nest duckte, während sich der schwarze Amselhahn in der nahen Buchenhecke mit viel Geflatter und Alarmrufen bemühte, die Bedrohung wegzulocken. Eine Weile ertrug das Amselpaar die unhaltbare Situation, dann gaben sie das Nest und ihre beiden Eier auf.

Gewöhnlich stecken auch wir Menschen viel Kraft, Zeit und Engagement in den Aufbau von Projekten, die verheißungsvoll erscheinen. Leider kommt es manchmal vor, dass die begonnene Ausbildung, die neue Arbeitsstelle, eine Freundschaft oder ein neuer Wohnort nicht halten, was man sich von ihnen versprochen hat. Statt erfülltes Leben und Perspektive zu geben, raubt der Job alle Kraft und bedroht das Familienleben. Eine Freundschaft vertrocknet und wird brüchig, statt sich lebendig wachsend im eigenen Leben zu verwurzeln.  Der unerträgliche Verkehrslärm in der neuen Wohnung schluckt alle Lebensfreude – oder aber es wird deutlich, dass man ein Ausbildungsziel nicht erreichen kann.

Man zögert, man hält fest, man will sich nicht eingestehen, dass man sich geirrt hat. Man hat schon so viel investiert an Herzblut, Zeit und Geld – das kann doch nicht umsonst gewesen sein? Alles verlorene Mühe? Wie soll es weitergehen, wenn man diese Sache jetzt aufgibt? Auf die eine oder andere Art steht etwas auf dem Spiel, der Lebensentwurf, die Lebensziele, vielleicht sogar die Existenz - oder aber „nur“ ein Projekt.

In einer solchen Situation war auch Amazja, der König von Juda, berichtet die Bibel in 2. Chronika 25,9. Er hatte aufs falsche Pferd gesetzt. 100000 Männer aus dem benachbarten Königreich Israel hatte er für teures Geld in seine Streitmacht aufgenommen. Aber Gott rät ihm durch einen Propheten, die Sache abzubrechen. Diese Elitetruppe würde ihm nicht zum Sieg verhelfen, ganz im Gegenteil. „Aber was ist mit dem ganzen Geld, das ich dafür schon ausgegeben habe?“ zögert Amazja. Er erhält die Antwort: „Der Herr hat genug, um dir mehr als das zu geben.“

Ich bin überzeugt, dass das Gottes Botschaft auch an uns ist, wenn wir in einer Lage stecken, die sich entgegen der ersten Einschätzung als aussichtslos oder als ein Fehlgriff erweist. „Gott hat genug, um dir mehr als das zu geben“, dieses Wort kann Mut machen, im Vertrauen auf Gott einen längst überfälligen Schritt zu wagen. Auch wenn man sich ungewollt aus wichtigen Bezügen – wie einer Arbeitsstelle oder Beziehung - herauskatapultiert findet: „Gott kann dir mehr geben als das, was du verloren hast!“

Die Amseln übrigens haben eine geeignetere Stelle für ein neues Nest gefunden – ganz versteckt und geschützt im immergrünen Geißblatt, das sich am Gartenhaus hochrankt.

Christel Mährlein

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