Ein neuer Blickwinkel

Es gibt Momente im Leben, da ärgert man sich fürchterlich über sich selbst. Warum habe ich nicht aufgepasst? Warum habe ich das gesagt oder getan? Dann möchte man am liebsten die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen. Doch genau das ist nicht möglich.

So ging es mir kurz vor Weihnachten, als ich etwas in Eile und irgendwie leichtfertig beim Rückwärtsfahren eine kniehohe fremde Mauer übersehen habe und diese nicht nur an-, sondern umgefahren habe. Hätte ich doch den Rückspiegel genutzt! Es war dunkel und regnete – trotzdem hätte ich ihn abwischen und die Mauer sehen können.

Ich hatte ohnehin genug Stress. Und nun noch die Besitzer kontaktieren, Hochstufen der Haftpflicht- und Kasko-Versicherungen. Fröhliche Weihnachten.

Ich brauchte wirklich lange, um meinen Groll gegen mich selbst loszuwerden. Doch schon am nächsten Tag hatte ich einen Moment, der mir zu mehr Gelassenheit verholfen hat. Die Konsequenz meines Unfalls war, auf noch mehr Umsichtigkeit und Vorsicht im Straßenverkehr zu achten. Und so kam es, dass mich zwei Jungs im Dunkeln mit ihren Fahrrädern rechts überholten, als ich gerade rechts abbiegen wollte. Ich war überaus dankbar, dass ich ausgerechnet in diesem Moment sehr vorsichtig gefahren bin und rechtzeitig stehen bleiben konnte – auch wenn es knapp war. Hätte ich einen oder beide mit dem Auto erwischt, hätte ich mir das "Glück" herbeigesehnt, nur eine Mauer umgefahren zu haben. Hier kam also die Verhältnismäßigkeit ins Spiel.

Viele Dinge verlieren an Schwere, wenn wir sie aus einer anderen Perspektive betrachten. Da würde mich doch manchmal Gottes Perspektive interessieren, der viele Dinge scheinbar nicht verhindert, sondern bewußt zuläßt und damit ganz anders einordnet. Für ihn ist mein Mauerfall kein Trauerfall, weil er weiß, dass es meinem Leben keinen Schaden zufügt, sondern mich vorsichtiger macht und dankbarer für jede gute Fahrt. Er sieht und bewertet aus seiner Ewigkeitsperspektive die Dinge ganz anders. Er will nämlich durch manche schrägen Situationen in unserem Leben Gutes bewirken und auf sich aufmerksam machen. Er führt uns bewußt in Situationen, die uns dazu bringen, dass wir Fragen stellen und Antworten suchen. Der Apostel Paulus hat das im Gespräch mit Gelehrten und Philosophen seiner Zeit in Athen einmal auf den Punkt gebracht. Nachzulesen ist das in der Bibel in Apostelgeschichte 17. Da beschreibt er, wie Gott im Alltag präsent ist: Mit allem, was er tat, wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Er ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne. Denn in ihm, dessen Gegenwart alles durchdringt, leben wir, bestehen wir und sind wir.

Also, Gott will uns auf sich aufmerksam machen und wirbt um uns und ist nah. Er führt sogar in Krisen, damit Menschen anfangen ihn zu suchen. Und wie gern lässt er sich finden um die Wunden in unserem Leben zu heilen, zu vergeben und Mauern anderer Art einzureißen. Er reißt nämlich gern Mauern ein: In Köpfen, zwischen Menschen und vor allem, zwischen sich und Menschen.

Marcus Vogel

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